Warum der eSport mehr Forschung benötigt

Dr. Axel Kupfer: "eSportler sind Leistungssportler"

von Nicole Lange am 26.08.2014 um 15:08

Wir stehen noch am Anfang, erklärt uns Dr. Axel Kupfer, der am Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft an der Deutschen Sporthochschule in Köln arbeitet und sich mittlerweile mit dem eSport immer stärker auseinandersetzt. Auf dem Red Bull Gaming Ground konnten wir mit dem Experten über den eSport und die Verbindung zu anderen Hochleistungssportarten sprechen.

esportler auf der gamescom
eSport ist wie Geräteturnen? Wir haben mit Dr. Axel Kupfer vom Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft auf dem Red Bull Gaming Ground über eSport gesprochen.
© kicker esportZoomansicht

kicker eSport: Dr. Kupfer, wo liegt der Schwerpunkt bei ihrer Arbeit an der Sporthochschule in Köln?
Dr. Kupfer: Mein Aufgabengebiet ist motorisches Lernen, insbesondere in der Sportart Geräteturnen. Mein Forschungsgebiet befasst sich dabei mit der körperlichen Aktivität von Kindern und Jugendlichen, vor allem mit übergewichtigen Kindern und Jugendlichen.
kicker eSport: Wie kommt man vom Geräteturnen zum eSport?
Dr. Kupfer: Ich bin dazu gekommen, weil Geräteturnen aus dem ständigen Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung besteht und neben der physischen auch eine sehr hohe mentale oder psychische Leistungsfähigkeit bedarf. Ein Fabian Hambüchen macht beispielsweise mehrfache Salti über eine Reckstange und muss die wieder fassen. Das Risiko, da daneben zu greifen und sich böse wehzutun, ist dabei schon relativ groß. Das heißt, hier bedarf es einer sehr hohen mentalen Stärke. Bei Hambüchen weiß ich, dass er mit einem Mentaltrainer zusammenarbeitet, um sich diese Bewegungen anzueignen und zu vertiefen und eben auch ganz klar seine Regenerationsphasen einstreut und steuert. Das ist etwas, das wir im eSport noch gar nicht kennen, es ist eine ganz neue Sportart. Hier weiß noch keiner, wie so eine Trainingssteuerung funktioniert und ob es überhaupt eine gibt, weil die Diskussion immer noch besteht, ob eSport überhaupt eine echte Sportart ist.

Ich glaube, dass dies Leistungssportler sind. Schachspieler sind auch Leistungssportler. Aber hier kommt noch eine wesentlich höhere konative Komponente hinzu, nämlich dieses unglaubliche hochfrequente Klicken von Tastatur und Maus, was der Schachspieler nicht hat. Der denkt einfach nur nach, was der nächste Zug ist, aber hier gehört doch eine körperliche Fähigkeit dazu - eben sehr schnell und präzise zu klicken. Das taktische Überlegen ist dem Schachspiel vielleicht sogar ähnlich. Dafür kenne ich mich aber zu wenig in diesen Strategiespielen aus. Aber das ist die Idee, warum man generell Sport, insbesondere das Geräteturnen, mit dem eSport verknüpfen kann.

Ich würde den eSportlern nicht absprechen, dass sie echte Sportler sind, im Gegenteil.Dr. Axel Kupfer

kicker eSport: Sie haben es eben selber kurz angesprochen. Manche Hochleistungssportler fühlen sich vielleicht auf den Schlips getreten, wenn man ihren Sport mit dem eSport vergleicht. Wie würden Sie dem entgegnen?
Dr. Kupfer: Ich würde den eSportlern nicht absprechen, dass sie echte Sportler sind, im Gegenteil. Ich glaube, dass deren Leistung für viele einfach noch nicht greifbar ist, weil wir Laien oftmals gar nicht wissen, was da passiert. Ich weiß nur, dass eSportler unglaublich lange Trainings- aber auch Wettkampf-Situationen haben. Wir haben gehört von sechs bis zehn Stunden am Stück. Das entspricht dem Arbeitstag eines Büroangestellten, und da muss man einfach schauen, inwiefern sich Methoden aus der Gesundheitsforschung, aber auch aus der Trainingslehre übertragen lassen, um diesen Spielern noch einmal eine Leistungssteigerung anzubieten.

Körperliche Konstitution hat Auswirkungen auf mentale Stärke

kicker eSport: Jetzt behandelt Ihre Forschung auch die körperliche Aktivität von übergewichtigen Kindern und Jugendlichen. Ein Vorurteil, mit dem auch viele Gamer zu kämpfen haben. Wie ist Ihre Einschätzung diesbezüglich?
Dr. Kupfer: Ich kenne dazu noch keine Daten. Ich kann jetzt dazu nur sagen: Die Leute, die ich bisher hier gesehen habe, waren total normalgewichtig. Sicherlich ist eine gute körperliche Konstitution unabhängig, ob das jetzt Ausdauer- oder Kraft-Tätigkeiten sind. Ich glaube, dass alles zusammengehört. Es hilft sicherlich, auch mental höhere Leistungsfähigkeiten zu erzielen.
kicker eSport: Was fehlt dem eSport Ihrer Meinung nach noch? Müssen Trainings- und Ernährungspläne auch im eSport Thema sein?

"Von Trainingsplänen zu sprechen, ist noch zu früh": Dr. Axel Kupfer.
"Von Trainingsplänen zu sprechen, ist noch zu früh": Dr. Axel Kupfer.
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Dr. Kupfer: Da würde ich mich nicht aus dem Fenster lehnen. Ich glaube, es gibt viele Aspekte und Parameter, die man zur Leistungsoptimierung nutzen kann. Das kann die Ernährung sein. Wir alle kennen das Suppenkoma nach dem Mittagessen, wo wir alle nicht mehr so bereit sind, über wichtige Dinge nachzudenken. Da ist es sicherlich sinnvoll, über eine ausgewogene Ernährung wach zu halten, um den Zuckerspiegel in einem Level zu halten, wo ich in der Lage bin, konative Leistungen zu erzielen. Ich glaube auch, dass die Entspannungsverfahren eine entscheidende Rolle spielen, um einfach den Kopf freizukriegen. Sie sitzen vielleicht mehrere Stunden konzentriert an einem Artikel und brauchen danach vielleicht auch eine Ruhephase, um den neuen Gedanken zu finden. Ich glaube, dass dies ähnliche Belastungen sind, wie wir sie eben bei gedanklichen Prozessen am Schreibtisch kennen. Aber hier von Trainingsplänen zu sprechen, ist glaube ich noch zu früh. Dazu fehlen uns noch Informationen, welche Belastungsparameter hier tatsächlich infrage kommen.

Den esportlern "einfach mal den Pulsgurt um die Brust hängen"

kicker eSport: Ist die Sporthochschule in Köln gewillt, in diese Forschungen mehr Zeit zu investieren?
Dr. Kupfer: Das weiß ich gar nicht. Aus meiner Sicht wären Parameter interessant wie die Herzfrequenz, also dass man den Spielern einfach mal einen Pulsgurt um die Brust hängt und mal guckt: Steigt die Herzfrequenz während eines solchen Wettkampfes oder sitzen die einfach nur rum und haben weiter Puls 80 oder steigt der in unfassbare Höhen? Wissen wir nicht. Genauso wenig wissen wir, wie es mit dem Blutdruck ist. Dann haben wir gehört, dass Hirnforschungen angedacht ist. Red Bull plant wohl EEG-Messungen. Die Hirnaktivität ist generell ein hochspannendes Feld, was sehr neu ist und wo es sicherlich interessante Fragestellungen gibt, die man überprüfen kann. Aber die gibt es einfach noch nicht, zumindest nicht im deutschen Raum.

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