Jagnow bezeichnet Grindels Kritik als "nicht sachgerecht"

Ist eSport Sport? DOSB will bis Herbst Empfehlung geben

von dpa am 18.04.2018 um 11:17

eSport ist ein kontroverses Thema im deutschen Sport. Der DOSB erarbeitet derzeit Empfehlungen, wie der traditionelle Sport zukünftig mit dem eSport umgehen will. Die Bundesregierung war bei dem Thema vorgeprescht und will ihn als eigene Sportart anerkennen.

Volle Hallen: Allein in Europa soll die Anzahl der eSport-Zuschauer bis 2025 auf 850 Millionen Euro anwachsen.
Volle Hallen: Allein in Europa soll die Anzahl der eSport-Zuschauer bis 2025 auf 850 Millionen Euro anwachsen.
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Der Deutsche Olympische Sportbund hat sich lange mit dem eSport schwer getan. Nun ist eine vom DOSB gegründete "AG E-Sport" mit der Prüfung beauftragt worden, ob das Spielen von Video- und Computergames nach festgelegten Regeln einen Platz in der Dachorganisation und seinen Verbänden und Vereinen finden könnte. "Wir sehen dringenden Klärungsbedarf", sagte Veronika Rücker, Vorstandschefin des DOSB. "Wir spüren, dass eSport viele bewegt, das Thema wird überall diskutiert." Die von ihr geleitete Arbeitsgruppe eSport will eine "ergebnisoffene Debatte" führen und zu einer Positionierung des organisierten Sports kommen. "Wir werden eine Empfehlung im Umgang mit eSport definitiv im Herbst geben", kündigte Rücker an.

Forciert wurde die Beschäftigung des lange im DOSB verschlafenen Themas durch die neue Bundesregierung, die ohne Rücksprache mit dem Sportbund eSport in den Koalitionsvertrag aufgenommen und angekündigt hat, ihn "vollständig als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht" anerkennen zu wollen. Der DOSB sah dies als "klaren Angriff der Fachpolitiker im Bereich Digitales" auf die Autonomie des Sports. Dagegen ist das Bekenntnis der Politik für den Ende November 2017 gegründeten E-Sport-Bund Deutschland (ESBD) ein wichtiges Signal und womöglich der erste Schritt, auf absehbare Zeit als gemeinnützig anerkannt zu werden.

Jagnow kann Grindels Kritik nicht nachvollziehen

Davon hält Reinhard Grindel, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes nicht viel. Er bezeichnete den eSport als "absolute Verarmung" und als "größte Konkurrenz" im Bemühen, Kinder in Sportvereine zu bekommen. Mit dieser Kritik ist aber noch nicht das letzte Wort im DFB über eSport gesprochen. "Wir befassen uns im DFB intensiv mit dem komplexen Thema eSport, stehen in Kontakt mit dem DOSB und sind dabei, mit unseren Mitgliedsverbänden eine gemeinsame Linie abzustimmen", erklärte DFB-Mediendirektor Ralf Köttker.

Nicht nachvollziehbar ist für ESBD-Präsident Hans Jagnow die Grindel-Kritik. "Die harten Worte, mit denen er gegen den eSport vorgeht, sind nicht sachgerecht. Wir sollten in einen Dialog kommen", sagte er. "Wir sehen ja, dass nicht nur die großen Bundesligaklubs, sondern viele kleinere Amateurvereine sich dem E-Sport zuwenden." Die Gemeinnützigkeit ist die Voraussetzung für eine Aufnahme des ESPD in den DOSB, aber nicht die einzige Hürde. Ist eSport überhaupt ein Sport im traditionellen Sinne, lautet eine der vielen Fragen.

Das ist ein Punkt, dem wir uns intensiv zuwenden werden. Wie viele Gewaltelemente sind in den Spielen enthalten?Veronika Rücker, Vorstandschefin des DOSB

"Man kann schon sagen, dass eSport mit anderen Sportarten, die unter dem DOSB-Dach vereint sind, eine vergleichbare sportliche Aktivität mit sich bringt", bekannte Rücker offen. "Im eSport sind viele Elemente, die uns als Sport tragen und ausmachen, vorhanden." Man dürfe nicht unterschätzen, was eSportler an Training erbringen. Außerdem gebe es Jugendarbeit, Breiten- und Spitzensport. Ein weiteres Konfliktthema sind die Inhalte von Computerspielen wie "Counter-Strike", das als Beispiel für "Killer-Spiele" herangezogen wird. "Das ist ein Punkt, dem wir uns intensiv zuwenden werden. Wie viele Gewaltelemente sind in den Spielen enthalten?", sagte Rücker. Es gebe Shooter- und Strategie-Spiele bis hin zu Fußball-FIFA 2018. "Die Sportspiele sind nicht die, die am weitesten verbreitet sind."

Braucht eSport Olympia oder umgekehrt?

Was immer am Ende die AG E-Sport empfehlen wird, letztendlich entscheiden nicht der DOSB und der ESBD über das zukünftige Miteinander allein. "Die Frage, ob eSport irgendwann olympisch wird, liegt nicht in unserer Hand", meinte Rücker. Auch auf die Frage, ob die Vereine die eSportler nutzen und als relevante Zielgruppe für sich erkennen, hätte der DOSB nur bedingt Einfluss. Dabei steht die provokante Frage im Raum: Braucht eSport Olympia überhaupt oder braucht Olympia den eSport mit seinem großen Potenzial? Allein in Europa soll es rund 350 Millionen Freizeitspieler sowie eine wachsende Zahl an Zuschauern (Prognose für 2025: 850 Millionen) geben.

"Grundsätzlich kann man festhalten: eSport braucht vielleicht nicht Olympia, eSport braucht den olympischen Geist und seine Werte, um als Sportart auch dem Anspruch der Gesellschaft, den sie an Sport hat, gerecht zu werden", sagte Jagnow. Allerdings wolle man nicht nur das Image der Olympischen Spiele bei jüngeren Generation verbessern helfen. "eSport ist kein Marketing-Tool für andere Sportarten, sondern eine eigenständige Bewegung und einer eigenen sportlichen Qualität", so Jagnow. "Dies zu wahren, ist auch sehr wichtig. Daran werden wir messen, wie wir uns zum Thema Olympia verhalten."

Video zum Thema
Vizepräsident Martin Müller im Interview- 11.04., 08:01 Uhr
ESBD und DOSB - kein kritisches Verhältnis
Das Verhältnis zwischen dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und dem eSport-Bund Deutschland (ESBD) konnte man zuletzt als "zerrüttet" beschreiben. Vor allem die neuen Seiten im Koalitionsvertrag brachten wieder etwas Unruhe in die zarten Annäherungsversuche. ESBD-Vizepräsident Martin Müller spricht mit uns über die aktuelle Lage und wie der Verband die Aussagen von DFB-Präsident Reinhard Grindel aufgefasst hat.
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