Zwei Experten aus dem Profi-eSports berichten

Wie angelt man sich einen Job im eSport?

von Patrick Soulliere am 13.12.2018 um 11:46

eSport-Teams stellen karrierebewusste Mitarbeiter auf allen Ebenen ihrer Organisationen ein. Nur einige Auserwählte tragen das Trikot einer führenden eSports-Firma wie Team Liquid oder Fnatic. Es gibt aber Tausende weitere mögliche Positionen in der internationalen eSports-Branche, die inzwischen bereits die Ein-Milliarde-Schwelle in puncto Umsatz erreicht hat und weiter zulegt - so zu lesen im Global 2018 eSports Market Report Light, der von Newzoo veröffentlicht wurde.

Caleb Anderson
Direktor für Social Media bei Team Liquid: Caleb Anderson.
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Während Investoren immer mehr Geld für eSports ausgeben, stoßen ständig neue Teams in diese Marktlücke. Sie alle brauchen Experten: für Social Media, Marketing-Spezialisten, Mitarbeiter für das Back-Office. Es gibt mehrere Möglichkeiten, um an geeignete Mitarbeiter zu kommen. Zwei Experten erzählen, wie sie es geschafft haben. Beide bekleiden inzwischen bei Fnatic und Team Liquid hohe Stellen.

Geschäftiges Treiben an der Basis

Caleb Andersons neueste Position bei Team Liquid entspricht der vielseitigen Natur seiner Arbeit. Mit 26 Jahren ist er für vier Abteilungen zuständig und arbeitet hinter den Kulissen, damit das Organisatorische bei Liquid stets rund läuft. Es ist schwer nachzuvollziehen, wie hart Anderson arbeiten musste, um den Aufstieg von ganz unten zu schaffen. Seine Karriere in der eSports-Branche begann, als er bei Team Curse ein Volontariat annahm. Um 2011 herum, als eSports gerade populär wurde, war er ein begeisterter Anhänger von "Call of Duty". Als er eine Stellenausschreibung für die Position eines Social Media-Managers im Twitter-Feed von Curse sah, schickte er seine Bewerbung per E-Mail. Anderson bekam die Stelle, aus der sich bald schon neue Herausforderungen ergaben.

Zunächst managte er die Social Media-Kunden des Teams als unbezahlter Volontär, wobei er sich neue Fertigkeiten aneignete und aufkommende Probleme löste. Als die Komplexität der Arbeit zunahm, bekam er eine Stelle als permanentes Teammitglied. Er kümmerte sich um die Team-Sponsoren und wurde dann bei Curse in der "Call of Duty"-Abteilung zum Manager für drei Teams und zwölf Player. Als Curse 2015 mit Team Liquid fusionierte, wuchs die Verantwortung für Anderson exponentiell. Heute arbeitet er extern von Colorado Springs aus, besucht aber für eine Woche pro Monat die Hauptniederlassung und Trainingseinrichtung seines Teams in Santa Monica, von wo aus er die weltweit stattfindenden eSports-Events verfolgt oder sich mit Sponsoren trifft.

Wenn du qualifiziert bist, findest du bestimmt eine Stelle im eSportsCaleb Anderson

Team Liquid besteht mittlerweile aus 60 Sportlern und über 100 Vollzeit- und Teilzeitmitarbeitern sowie Volontären. Es handelt sich also um eine Armee von Personen, die die eSports-Erfolge von Team Liquid unterstützen, darunter den Sieg des Dota 2-Teams bei "The International 7" und beim "2018 NA LCSSpring Split Championship", um nur einige zu nennen. eSports-Organisationen, darunter auch Team Liquid, erhalten weiter viel Zulauf von talentierten Personen, da die Teams ständig neue Zuschauerrekorde aufstellen und zahlungskräftige Investoren anziehen. Anderson prüft die meisten der an Team Liquid gerichteten Bewerbungen und meint, dass nach wie vor gute Chancen bestehen, in die Branche einzusteigen.

"eSports gewinnt an Bedeutung und entwickelt sich weiter, deshalb gibt es auch nach wie vor gute Chancen", erklärt er. "Wir brauchen mehr Account-Manager, Grafikdesigner und Personen, die den Handel in neuen Regionen unterstützen. Diese neuen Chancen in der Gaming-Branche bedeuten sogar noch mehr Einstiegsmöglichkeiten für engagierte und ehrgeizige Personen."

"Möglichkeiten zum Lernen und Wachsen quasi unbegrenzt"

In bestimmten Fällen werben eSports-Organisationen auch Spezialisten aus anderen Branchen an, um neue Stellen zu besetzen. Anderson meint aber, dass Team Liquid auch weiterhin für ambitionierte und talentierte Volontäre und Teilzeitmitarbeiter offensteht, die aus ihrer Gaming-Leidenschaft eine richtige Berufskarriere machen wollen - ähnlich wie er es gemacht hat. "Wenn man sich für eSports begeistert und seine Zeit opfern will, sind die Möglichkeiten zum Lernen und Wachsen quasi unbegrenzt", so Anderson. "Diese Volontäre und Teilzeitmitarbeiter werden voll integriert und erhalten bei eSports-Organisationen sehr viel mehr Verantwortung, als dies in den meisten anderen Branchen üblich ist", sagt er weiter. Es geht hierbei nicht nur um Kopien machen und Kaffee kochen. Sie werden ins kalte Wasser geworfen und müssen sich direkt mit Entscheidungsträgern auseinandersetzen. "Ich glaube, es gibt keine andere Branche, wo ein wenige Wochen zuvor eingestellter Teilzeitmitarbeiter so eng mit dem Geschäftsführer zusammenarbeitet", erläutert er.

Hinzuziehen von Spezialisten

Beim eSports handelt es sich nicht mehr um eine ganz junge Branche. Mittlerweile werden viele Millionen in eSports-Programme investiert, darunter auch solche, die der traditionellen Profisport-Szene angehören. Die eSports-Teams wandeln sich dadurch von zusammengewürfelten Start-ups in große Unternehmen. Damit Profi-Gamer bei Turnieren gewinnen können, müssen Dutzende von Mitarbeitern im Hintergrund ihr Bestes geben.

Das eSports Team Fnatic holt den Sieg beim ESL One Cologne 2015.
Das eSports Team Fnatic holt den Sieg beim ESL One Cologne 2015.
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Einige dieser Support-Mitarbeiter arbeiten direkt mit den eSportlern zusammen, beispielsweise Manager, Trainer oder sogar Ernährungsberater und Psychoanalytiker. Die meisten üben aber typische Bürojobs aus, und mit zunehmender Bedeutung von eSports müssen die Organisationen auch Außenstehende in Führungspositionen berufen. Das bedeutet beispielsweise, dass ein Buchhalter der Jedi-Ebene zugleich Finanzvorstand sein muss, der die Einnahmen und Ausgaben uüberwacht. Dasselbe gilt für den Vertrieb, die Personalabteilung und so weiter.

Deshalb hat sich Team Fnatic auch für Róisín O'Shea entschieden. O'Shear hatte zuvor mit Profi-Sportlern bei Fußball, Rugby, Formel 1 und Olympia zusammengearbeitet, wo sie für das Management von Partnerschaften zuständig war. O'Shea arbeitet von der Fnatic-Hauptniederlassung in London aus und koordiniert das gesamte Sponsoring von Fnatic. Es handelt sich hierbei um eine zentrale Aufgabe in einem Betrieb, der beim Austragen von Events 120 Leute beschäftigt und ca. 45 Sportler in zehn Teams unterstützt. Auch zuvor hatte sie schon eine ähnliche Aufgabe inne und vertrat zudem die Profi-Sportler als Agentin.

eSports hat schnell zugelegt

Spieler "JDM" von Team Liquid beim ELEAGUE CS:GO MAJOR QUALIFIER TOURNAMENT 2017 in Atlanta.
Spieler "JDM" von Team Liquid beim ELEAGUE CS:GO MAJOR QUALIFIER TOURNAMENT 2017 in Atlanta.
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Als Fnatic sie einstellte, wusste O'Shea nicht allzu viel über eSports. Sie machte einige Recherchen und stellte fest, dass eSports hinsichtlich der Zuschauerzahlen, der Investitionen und des Engagements der Sponsoren unglaublich schnell zugelegt hatte. Mit anderen Worten: eSports war als Sportart bereits etabliert und besaß ein unglaubliches weltweites Potenzial. Von der professionellen Einstellung der Fnatic-Führungsmannschaft war sie beeindruckt. Dasselbe galt für die straffe Führung des firmeneigenen Shops und die Qualität der bereits unter Vertrag stehenden Sponsoren. Genau dort wollte sie arbeiten. "Ich hatte keine Ahnung, was bei Fnatic und beim eSport ablief", erklärt sie. "Ich musste eine ganze Weile recherchieren, aber dass ich dort einsteigen wollte, war relativ schnell klar."

Als O'Shea ihr erstes Event managte, wurden auch die letzten Zweifel beseitigt. Sie erinnert sich an das Finale der Profi-Liga in Hamburg. Den chaotischen Spielverlauf durchschaute sie nicht ganz, aber tausende von lautstarken Fans rissen sie mit und machten ihr klar, warum eSports einen solchen Aufschwung erlebte. "Beim Zuschauen bekam ich eine Gänsehaut, ähnlich wie bei einem guten Fußballspiel", erklärt sie. "Selbst wenn ich weder für das eine noch das andere Team war - ich habe mit tausenden von Leuten mitgefiebert."

Beim Zuschauen bekam ich eine Gänsehaut, ähnlich wie bei einem guten FußballspielRóisín O'Shea zum eSport

Auf dem Papier sah O'Sheas Stellenbeschreibung mit dem Suchen und Promoten von Sponsoren anfangs ähnlich aus wie das, was sie ursprünglich für traditionelle Sportarten gemacht hatte. Dies erwies sich aber als Irrtum. Bei den eSports-Anhängern handelt es sich nicht nur um eine demografische Zielgruppe zwischen 18 und 35 Jahren. Sie reagieren schneller auf Marken, die ihnen etwas bedeuten, wie zum Beispiel Ballistix Gaming. Wenn es aber um Partnerschaften mit Marken geht, die sich selbst als "Gamer-freundlich" präsentieren, verdrehen sie die Augen. "Bei den traditionellen Sportarten machen sich Leute in meiner Position nicht allzu viele Gedanken über die Fans", erläutert sie. "Hier dagegen stehen die Fans bei der Zusammenarbeit mit Partnern an allererster Stelle. Es gibt nichts Wichtigeres."

Heute versteht O'Shea die besondere Dynamik von Games. Sie ist jetzt selbst ein Fan von Fnatic. "Bevor ich hier anfing, glaubte ich, dass eSports nichts für mich sei", erklärt sie. "Letztlich konnte ich mich der Dramatik aber nicht entziehen. Wenn dein Team gewinnt, dann fühlst du mit - ebenso, wenn es verliert. Als ich in engem Kontakt mit dem Team stand, musste ich um 2 Uhr nachts Twitch einschalten, um mich über die laufenden Games zu informieren."

Andersons Ratschläge für Gamer

Team Liquid Spieler "Reignover" (Mitte) beim NA LCS Spring Split 2017 in Los Angeles.
Team Liquid Spieler "Reignover" (Mitte) beim NA LCS Spring Split 2017 in Los Angeles.
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"Warte nicht auf die perfekte Stellenausschreibung. Durchforste regelmäßig die Websites, die Social-Media-Accounts und die LinkedIn-Seiten nach Stellenangeboten bei eSports-Organisationen. Bewirb dich auch dann auf Stellen, wenn du nicht hundertprozentig qualifiziert bist." Anderson und andere Personalmanager bei Liquid sehen sich jede Bewerbung genau an und ziehen Bewerber auch dann noch in Betracht, wenn zusätzliche Stellen ausgeschrieben werden. "Wenn du qualifiziert bist, findest du bestimmt eine Stelle im eSports, selbst wenn es sich nicht um die ursprünglich angestrebte Stelle handelt", erklärt er. "Sei flexibel und anpassungsfähig." In den eSports-Büros geht es hektisch zu. Die Bereitschaft zu vielen Überstunden kann karrierefördernd sein - besonders für Personen, die spontan neue Verantwortung übernehmen. "eSports kann ein aufreibender 24-Stunden-Job sein. Du musst also von vornherein bereit sein, bis zum physischen Limit zu gehen", so Anderson. "Vieles gerät außer Kontrolle und muss in letzter Minute noch erledigt werden. Das ist die Natur dieses Geschäfts. Du musst dies nicht nur bereitwillig hinnehmen, sondern in solchen Fällen zur Höchstform auflaufen."

O'Sheas Ratschläge an Nicht-Gamer

"Allzu viele Personen im professionellen Bereich haben einen Wechsel zum eSport noch nie in Betracht gezogen", so O'Shea. Das sollten sie aber. Ihre Fähigkeiten werden gesucht, und der steile Zuwachs in dieser Branche sorgt dafür, dass Früheinsteiger mit einer langen und lohnenden Karriere rechnen dürfen. "Schließe es nicht von vornherein aus", meint O'Shea. "Es ist zwar oft die erste Reaktion, aber genau das ist der Fehler. Erkundige dich über einige der größeren Organisationen. Auch Marken, die mit oder in eSports-Organisationen arbeiten, solltest du nicht außer Acht lassen. Ich wende mich an Personen, die entweder bereits mit Gaming zu tun haben, oder die durch den geregelten Tagesablauf ihrer jeweiligen Branche gelangweilt sind, und für die eSports eine Alternative darstellen könnte."

Das gilt auch für Frauen. Schon seit zehn Jahren arbeitet O'Shea in der Männer-Domäne des Profi-Sports. Die eSports-Büros sind schwerpunktmäßig mit männlichen Mitarbeitern besetzt, aber O'Shea meint, dass Teams wie Fnatic verstärkt Frauen einstellen. "'Das Anwerben von Frauen' ist bei der Gaming-Community im Kommen", erklärt sie. "In der Hauptniederlassung von Fnatic in London gibt es viele Frauen. Wenn du eine Frau bist - unabhängig davon, ob du Gamer bist oder nicht - und dir vorstellen kannst, im eSport zu arbeiten, solltest du es unbedingt versuchen."

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