Eine Kolumne von Holm Kräusche

Dynamische Schwierigkeitsanpassung: EAs neue Goldgrube

von Holm Kräusche am 23.08.2018 um 14:36

Wenn der Tabellenletzte in der FIFA 18-Karriere dem Spieler ein 4:4 reindrückt, dann hat man schnell das Gefühl, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Mein Verdacht: EAs Anti-Frust-Software hat zugepackt und das kleine Köln ganz groß gemacht. Für EA ist das eine Goldgrube. Eine Kolumne von Holm Kräusche.

Mit dynamischer Schwierigkeitsanpassung steuert EA das Spielerlebnis fern. Braucht FIFA das?
Mit dynamischer Schwierigkeitsanpassung steuert EA das Spielerlebnis fern. Braucht FIFA das?
© kicker eSportZoomansicht

Es hat eine Weile gedauert und die eine oder andere Talente-Galerie gebraucht, bis meine Veilchen in der ersten Bundesliga gelandet sind. Die neue Mannschaft hat mit dem echten Erzgebirge Aue nur noch ein paar Spieler der zweiten Mannschaft gemein. Der Gegner neulich: 1. FC Köln. Mit meiner fitten Tabellenführer-Mannschaft aus jungen Alleskönnern hätte das kein Problem darstellen sollen. Hatte ich so gedacht. Es folgte eine achtminütige Torschlacht, die mit Ach und Krach 4:4 ausging. Nicht nur hatte ich in bester Deutschlandmanier den kleinen Kontrahenten vom unteren Ende der Tabelle brutal unterschätzt, ich hatte auch ein ungewohntes Comeback nach dem anderen hingelegt. Normalerweise zittere ich mich nach einem Treffer zum Sieg.

Wie macht Köln das?

Vier Tore mit Aue, beim besten Willen konnte ich mir nichts vorwerfen. Aber wie hatte es diese FC-Truppe vom letzten Tabellenrang geschafft, mich so in die Bredouille zu bringen? Die Antwort: DDA. Die "dynamische Schwierigkeitsanpassung" von Electronic Arts ist in FIFA längst ein alter Hut, oft auch "Momentum" genannt. Die Codezeilen, die in der Karriere Stück für Stück den Gegner verbessern, sind bekannt. Auch dass ich per Anstoßbug jeden Pass an den Mann bringe und meine Kicker auf einmal wie Toni Kroos Bälle perfekt in den leeren Raum spielen: längst bekannt. Aber wollen wir das? Ist das FIFA?

DDA ist die Antwort

Mit dynamischer Schwierigkeitsanpassung hat EA eine Technologie entwickelt, die jederzeit schaut, wie gut ich gerade performe. Bin ich zu schlecht, läuten die Alarmglocken: Achtung, der Spieler könnte frustriert sein. Dann prüft die Software, welches Mittel, welcher "Hebel", besonders gut geeignet wäre, um mich wieder in die rechte Spur zu führen. Superintelligente Kroos'sche Kicker zum Beispiel. Aber auch dass ich Köln, die mit der Roten Laterne, 4:0 abschieße...Alarm! Das könnte den Spieler langweilen. Hebel: Tore, Tore, Tore. Soll ich doch meine vier Dinger machen, Köln macht die auch, und schon sind alle zufrieden. Ich hatte das Spiel meines Lebens und glaube, FIFA sei der beste Freizeitvertreib, den ich mir nur vorstellen könne. Soweit die Theorie.

Nützlich und vor allem lukrativ

DDA ist also ein ganz nützliches Instrument, das dem Spieler jenseits von Realität ein spannendes "Engagement erzeugendes" Spielerlebnis bietet. So war es auch mit dem FUT-Modus: "Designe Dir Deine Traummannschaft!", hat EA gerufen und in Windeseile den größten Umsatz der Geschichte gemacht. "Alex Hunter, Storymode mit richtiger Geschichte!", hat EA gerufen und Hunter als Werbefigur an Coca-Cola verkauft. DDA ist genau dasselbe: Eine gute Idee, die EA benutzt, um noch mehr Geld zu verdienen. Denn die Maschine weiß auf Basis der Daten aller Spieler, was ich brauche oder wie man mich dazu bringt, Geld auszugeben. Vielleicht nicht im Karrieremodus, aber in FUT ist das kein Problem.

Ehrgeiz bringt Investment

Und in den Onlinematches geht es sowieso um Engagement: Je länger der Spieler Spaß an FUT hat, desto mehr Packs erwirbt er letztlich. Denn der Ehrgeiz wächst, und fast jeder hat schon Mal ein paar Euro in FUT investiert. In ein Spiel, das langweilig oder frustrierend ist, investiert keiner.

Holm Kräusche
"Verliert einer 0:4, dann ist das eben so": Holm Kräusche.

EA sollte aufhören, aus jeder Winzigkeit Profit schlagen zu wollen. Das hat der Konzern überhaupt nicht nötig, FIFA ist ohnehin schon das am häufigsten verkaufte Spiel in Europa. DDA ist eine schöne Sache, aber im eSport hat das nichts zu suchen. Die Kicker beider Teams müssen gleich stark sein und der Skill sollte den Unterschied machen. Verliert einer dann 0:4, dann ist das eben so.

Aber wir können alle zumindest ein bisschen beruhigt sein, denn DDA "gibt's nicht in Online-Matches." Sagt zumindest EA.

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2 Leserkommentare

Peachum88
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31.08.2018 | 10:49

Tilt

@Semsemnamm

Das von dir genannte Phänomen nennt sich schlichtweg tilten. Je länger du spielst, [...]
Semsemnamm
Beitrag melden
24.08.2018 | 16:03

Dynamische Schwierigkeitsanpassung?

Momentum?

Ich nenne es einfach Beschiss. Denn letztlich macht die FIFA-KI im Karrieremodus nichts an[...]

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